Wenn Helmut Ortner nicht gerade Zeitschriften oder Zeitungen gestaltet, schreibt er. Bücher und Artikel. In „Bock!“-Ausgabe Nr.1 hat er sich dem Thema Zorn gewidmet. Der erste Teil seines Textes steht dort, der zweite hier online. Nicht wütend sein, liebe Bockster: Sogar die Hälfte seiner Zeilen ist schon doppelt so beruhigend wie eine gute Tasse Baldrian-Tee!

(…) würde. Seit Senecas „De ira“ ist Zorn das Paradigma einer zu kontrollierenden Emotion. Im Anschluss an Aristoteles betrachtet er den Zorn als Wunsch, erlittene Kränkungen zu rächen. Aristoteles bemerkt präziser, dass es sich um eine zu Unrecht erlittene Kränkung an einem selbst oder nahestehenden Personen handelt, die den Wunsch nach Vergeltung weckt. Zugleich bedroht der Zorn unser Urteilsvermögen und das soziale Gefüge und bedarf deshalb der Kontrolle. Zorn, fordert Seneca, darf keinesfalls Bestandteil einer philosophischen Lebensführung sein, er sollte ganz aus dem Leben der Menschen ausgemerzt werden.  Anders als Seneca hält Aristoteles den Zorn nicht für ganz und gar schädlich, befördert er doch die Tapferkeit. Montaigne hingegen weist diese klassische Definition weder ausdrücklich zurück, noch bestreitet er die Destruktivität des Zorns. Anders als die beiden antiken Autoren betont er aber die Autonomie der Emotion gegenüber ihren kognitiven und sozialen Aspekten.

Wir wissen um die Sieben Todsünden: Neid, Trägheit, Wollust, Völlerei, Habgier, Hochmut – Zorn. Doch wer unter Todsünde nicht ein einmaliges Vergehen, einen spontanen emotionalen Ausbruch, sondern eine andauernde, immer wieder hervortretende Eigenschaft, gleichsam ein Charakterbild, versteht, für den scheint der Zorn im theologischen Lasterkatalog doch etwas deplatziert. Der Zorn Gottes mag theologisch ein heißes Pflaster sein, zumal für Menschen, die es ebenso wenig plausibel wie gerecht finden, dass Gott sich herausnimmt, die Beherrschung zu verlieren und gewaltsam zu handeln, und niemand ihn kritisieren darf. Gottes Zorn entzündet sich vor allem, wenn die Angehörigen seines erwählten Volkes andere Götter anbeten.

Theologen sind da freilich in einem Dilemma: Sie wissen nie so recht, wie sie Gottes Zorn erklären sollen. Verliert er nicht – anders als der Normalsterbliche – niemals die Kontrolle über sich selbst? Ist er nicht stets in einem Zustand vollkommener göttlicher Gelassenheit? Nein – lehren uns die gottesfürchtigen Welterklärer: Alle Verse, die Gott Grimm, Wut und Zorn zuschreiben, sollen wir als Metaphern deuten. Göttlicher Zorn ist lediglich eine andere Bezeichnung für göttliche Gerechtigkeit. Gott bestraft Übeltäter und Götzendiener auf gelassene Weise – mit gerechtem Zorn.

Aber mit der göttlichen Gerechtigkeit ist es so eine Sache. Wo war Gott in Auschwitz? Wo in den stalinistischen Straflagern? Wo in Srebrenica? Wo beim Schrecken des Tsunamis? Es war für mich ernüchternd und abstoßend, sich einen allmächtigen Gott vorzustellen, der tatenlos zusah, wie Menschen systematisch ermordet wurden, die Naturgewalt Zehntausende in den Tod riss. All die Tragödien und Katastrophen der Vergangenheit hier anzuführen, bei der die Götter aus Gründen, die uns ihre apodiktischen Jünger nicht erklären wollen, abwesend waren, würden eine mehrbändige Dokumentation beanspruchen. Wem hier erhebliche Zweifel an der göttlichen Gerechtigkeit kommen, der wird dem christlichen Gott auch den Alleinvertretungsanspruch auf gerechten Zorn absprechen. Ich gehöre zu den Zweiflern.

Mit oder ohne Gott: Zorn ist allgegenwärtig. Ob wir ihn nun unterdrücken oder zum Ausdruck bringen, er ist ein Bestandteil unserer Existenz. Solange er individuell daherkommt, mag er für die Nächsten eine Plage sein, aber er erschöpft sich im Privaten. Anders verhält es sich mit dem kollektiven Zorn, seine Dynamik hat die Kraft der Rebellion, die nicht unbedingt auf Ausgleich und ein friedliches Ende aus ist. Jede Gesellschaft – die politische Herrschaft ohnehin – bemüht sich um die Zähmung des Volks-Zorns. Riskant wird es für die Mächtigen dort, wo das gemeinsame Erlebnis den Zorn aus dem Käfig der privaten Einsamkeit befreit, wo sich Protest und Parolen verdichten, wo Rufe lauter und Forderungen radikaler werden. Wo Zorn des Einzelnen sich bündelt und zum Zorn der  Menge wird – zur Revolte.

Nicht zu übersehen ist: Der Zorn erscheint derzeit wieder verstärkt in der öffentlichen Debatte: etwa in Peter Sloterdijks „Zorn und Zeit“, der auf die neuen Zornkollektive der Beleidigten verweist, die sich in den nordafrikanischen Ländern ebenso formieren wie in den westlichen Finanzmetropolen in Form der Occupy-Bewegung. Wir selbst müssen einen gerechten Zorn entwickeln – so Sloterdijk in seiner gewaltig erzählten Zeitanalyse. Auch André Glucksmann spricht in seinem Buch „Hass – Die Rückkehr einer elementaren Gewalt“ vom „monolithischen Zorn“. Die Renaissance des Begriffs „Zorn“ geschieht dabei unter gegenwartsdiagnostischen Vorzeichen.

Verändernwollen der Welt

Meine persönlichen Zornes-Erfahrungen sind die eines stillen, kognitiven Erzürnens auf allerlei Zumutungen von Unrecht, Dreistigkeit und Niederträchtigkeit, die uns die politische Klasse, die globalen Finanzjongleure, beseelte Ideologen und religiöse Fundamentalisten täglich zumuten. Es sind die bekannten Gefühle und Gefühlsäußerungen, die sich einstellen, wenn man der Auffassung ist, dass unsere Welt mitunter in Schieflage ist. Es mein ganz und gar privater, persönlicher gerechter Zorn. »Wer mit der Welt, ungerecht und unfertig, wie er sie vorfindet, keinen faulen Frieden schließen will, kann nicht zufrieden sein«, schreibt Karl-Markus Gauß in seinem Buch „Ruhm am Nachmittag“,  in dem zu lesen immer anregend und aufregend ist. Dass dieses Gefühl der Unzufriedenheit sich naturgemäß vielfältig Bahn bricht, sollten wir als eine gesunde emotionale Reaktion, ein Gefühlsleben im Augenblick, ein spontanes Verändern wollen der Welt deuten.

Zahllos sind die Anlässe, die Menschen in Rage versetzen, wütend und zornig machen. Betrachtet man das Gefühlsfeld der Unzufriedenheit auf seine Intensität hin, so reicht es von mildem Ärger über stark lodernde Wut bis hin zu einem Hass, der fest in die Individuen eingefressen ist. Fragt man nach seiner Zeitstruktur, kann Zorn ein punktueller Ausbruch unterdrückter Gefühle bleiben oder sich verstetigen und zur Charaktereigenschaft werden („ein aggressiver Mensch“). Wie aber entsteht der Zorn? Baut er sich langsam auf oder schlägt er ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel? Wenn er sich langsam aufbaut, wie kann man diesen Prozess beschreiben? Geht dem eigentlichen Zorn zum Beispiel eine milde Form der Verärgerung voraus? Ist Hass Kennzeichen des lang anhaltenden Zorns, wie Thomas von Aquin behauptete? Oder würden wir heute nicht eher sagen, dass Zorn der Affekt und Wut die Leidenschaft sei, also das eine der plötzliche Ausbruch, das andere das langsam Anschwellende, das sich festsetzt? Und wäre dann nicht Hass im Gefolge des Ressentiments das moralisch Negative, während der Zorn mit der Empörung verschwistert ist und damit ein moralisch positives Gefühl?

Schon das Verhältnis zwischen Empörung und Zorn ist eindeutig schwer zu bestimmen. Beide Gefühle sind eng benachbart und können ineinandergreifen. Christoph Demmerling und Hilge Landweer, die sich in ihrem Buch „Philosophie der Gefühle“ mit dem Zorn und anderen Aggressionsaffekten beschäftigen, nennen einige hilfreiche Kriterien zur Differenzierung. „Das Gefühl des Zorns muss ein personales Objekt besitzen, es muss jemanden geben, dem gezürnt wird. Sodann sind es im Fall des Zorns häufig der Zürnende selbst oder zumindest ihm Nahestehende, die durch das Unrecht geschädigt wurden, um derentwillen Zorn empfunden wird. Beide Bedingungen gelten für Empörung nicht unbedingt. Empörung kann abstrakt bleiben und ist damit stärker als der Zorn anfällig für Gerechtigkeitsvisionen, die von konkreten Konfliktlagen losgelöst sind.“ Während also Empörung noch vage sein kann in der Zuschreibung von Verantwortung und kausaler Zuständigkeit, übertroffen nur noch von einer diffusen „Betroffenheit“, muss im Zorn – so die Autoren – der Gegner bereits identifiziert sein. „Gezürnt werden kann nur jemandem.“

Was aber die Empörung auslöst, die Wut aufkommen lässt und den Zorn mobilisiert, das wiederum scheint auch mit unseren jeweilig gesellschaftlich grundierten Erfahrungen von Moral verbunden zu sein. Und die Moral, das wissen wir, ist eine prekäre Angelegenheit. Sicher: Jeder Begriff von Norm setzt bereits eine Generalisierung voraus, aber für den Einzelnen können diese ganz unterschiedliche Autorität besitzen. Voraussetzung ist die subjektive Handlungsfreiheit, die Fähigkeit eines Menschen zu erkennen, zu beurteilen, ob etwas seinen Moralvorstellungen zufolge richtig ist, und entsprechend zu handeln. Es ist die Fähigkeit, Nein zu sagen.

Die subjektiven Gefühle und Handlungsmaximen freilich sind kaum zu vereinheitlichen: Wo der eine augenblicklich in Wut gerät, ein anderer sich öffentlich lauthals empört, konstituiert sich bei einem weiteren nichts als kühler Zorn. Wütend darf der Mensch sein, aber das Recht zum großen Zorn kommt – das haben wir bereits festgestellt – allenfalls den Göttern, niemals aber dem Menschen zu. Denn Wut, darauf weist auch Wolfgang Sofsky hin, mag ungestüm, laut und maßlos sein, aber sie verpufft oder verraucht auch rasch. „Wut ist ein Ereignis, eine Eruption. Sie reißt mit großer Geste alles um, schlägt blind um sich, behilft sich notfalls auch mit Ersatzobjekten.“ Wut ist wie ein heftiger innerer Überfall.

Anders der Zorn. Er hat einen langen Atem. „Die Zeit des Zorn beginnt mit einer Verärgerung, die sich nach und nach zu einer grundlegenden Missstimmung ausweitet. Die Kraft der Gedanken wird zum Werkzeug des Zorns.  Er behält sein Ziel im Auge, verfolgt es bis zum bitteren Ende.“ Sofskys scharfsinnige Betrachtungen bescheinigen dem Zorn eine zähe Destruktivität. „Im Gegensatz zur Wut, die sich selbst erschöpft, hat der Zorn einen definitiven Schlusspunkt. Er ist erreicht, wenn der Bösewicht bestraft, der Feind für immer geschlagen ist. Zorn erstrebt kein friedliches Ende und keinen gütlichen Ausgleich.“ Man mag Sofsky hier gern widersprechen, denn die Bewertung des Zorns hat historisch und kulturell stets variiert. In unserem Kulturkreis ist durchaus eine klare Zuordnung erkennbar: Hass gilt „fast immer als schlecht, Wut als unbeherrscht, Zorn dagegen kann ,gerecht’ sein.“ Im allgemeinen Werteempfinden wird dieser individuelle „gerechte Zorn“ durchaus akzeptiert.

Bei Sloterdijk ist Zorn etwas Positives: etwas „Gebendes“. Man schenkt jemandem seine Aufmerksamkeit – also das Gegenteil von Destruktion und Ignoranz. Die Austreibung des produktiven Zorns aus Gesellschaft und Kultur ist für ihn lähmend. Den politischen Wissenschaften wirft er vor, sie litten substanziell unter der Verleugnung des Zorns. Und Sloterdijk identifiziert im Menschen neben der Libido eine weitere, bislang völlig verdrängte Art von Energien, die er mit Anleihe beim Griechischen die thymotischen nennt. Thymos war in der Antike ein Sammelbegriff aus Zorn, Stolz, Scham, Ehrgeiz, Geltungswillen und Rechtsempfinden. Dementsprechend fordert Sloterdijk auch eine neue Theorie des Stolz-Ensembles. Seine Kritiker monieren, damit habe er die genuin politische und soziale Dimension des Themas zugunsten einer tiefenpsychologischen geopfert.

In der Tat ist die „Wut in den Städten“ zu einem der beherrschenden Phänomene der Gegenwart geworden. Ob New York, Barcelona oder Berlin: In der weltweiten Occupy-Bewegung findet sich eine neue Art von Volkszorn, die von Exponenten der politischen und wirtschaftlichen Eliten gern als zerstörerische Energie junger Männer missverstanden – oder denunziert? – wird. Wer den Protest-Bewegungen das Politische und das Soziale abspricht und auf eine tiefenpsychologische Grundkraft reduziert, der ignoriert freilich die produktive Potenz des Zorns – individuell und gesellschaftlich.

Nein, der Zorn erschöpft sich nicht in einem situativen Ausbruch, er ist Ausdruck einer kritisch-produktiven Geistes- und Emotionshaltung, die sich mit der Welt und ihren Zumutungen so nicht abfinden und befrieden will.  Haltung statt Eruption, Prozess statt Ereignis.

Es geht also vor allem darum, die produktiven Seiten des Zorns sichtbar zu machen, darum, den Zorn vom Makel des Destruktiven zu befreien.

Denn es ist höchste Zeit, den guten Ruf des Zorns wiederherzustellen. Denn: Der Zorn schärft alle Sinne – und er macht frei.

 

LITERATUR

Glucksmann, André, Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt, München, Wien 2005

Demmerling, Christoph / Landweer, Hilge, Philosophie der Gefühle. Von Achtung bis Zorn, Stuttgart 2007

Montagne, Michel de, Essais, herausgegeben von Hans Stilett, Frankfurt 1998

Nickl, Peter (Hrsg.), Die sieben Todsünden – Zwischen Reiz und Reue, Berlin 2009

Ortner, Helmut, Der Zorn – Eine Hommage, Springe 2012,

Sloterdijk, Peter, Zorn und Zeit, Frankfurt 2006

Sofsky, Wolfgang, Das Buch der Laster, München 2009

Seneca, De Ira – Über die Wut, übersetzt und herausgegeben von Julia Wildberger, 2007